19. Januar 2017

Neujahrsempfang im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever

Grusswort

Birgit Menz (MdB) & Cindi Tuncel (MdBB)

Im Gespräch mit Bürgerinnen

Beim Neujahrsempfang in Osterholz am 13. Januar sprach Birgit Menz ein Grußwort. Mit klaren Worten zeigte sie die Entwicklung des Stadtteils auf und wies auf Beispielhaftes hin. Wir veröffentlichen ihre Rede in Auszügen:

"Mein erster Besuch im Ortsamt, aber nicht der erste Besuch im Beiratsgebiet.  Dank auch für das Motto "Das Leben hat keinen Sinn, außer dem, den wir ihm geben" von Thornton Wilder. Dies Motto passt gut zum Beiratsgebiet - das  Dilemma des emanzipierten Menschen: Er ist frei. Seine Freiheit stellt ihn jedoch vor die Aufgabe, sein Leben selbständig und selbstbewusst zu gestalten. Das erfordert eigenständiges und doch solidarisches Eingreifen in die Lebensbedingungen und ihre Veränderung durch kulturelle und politische Auseinandersetzungen. Osterholz verdeutlicht gut wie sinnvoll das sein kann. Ihr Stadtteil kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, mit  Auseinandersetzungen und Konflikten, wie von Erfolgen, aus denen man auch außerhalb von Osterholz und Bremen lernen kann. 

Beispielgebend  sind Auseinandersetzungen und Diskussionen um die Umgestaltung von Tenever, wenn es um die Verhinderung von Vertreibungen aus Quartieren im Zuge der Gentrifizierung geht. Seit den 1950er Jahren war Osterholz immer wieder der Ort großer Bauvorhaben. Vom Ellener Feld über Blockdiek und Ellenerbrook bis zum „Demonstrativbauvorhaben“ in Tenever entstanden viele Wohnungen, in denen immer mehr Menschen verschiedenster Nationen lebten.

Nach dem Motto „Urbanisierung durch Dichte“ mit der Idee, dass die Lebensqualität steigt, wenn Wohnen, Einkaufen, Arbeiten und Kultur eng beieinander liegen. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass ein solches Konzept durch Großwohnsiedlungen mit engen, dunklen Passagen und nackten Fassaden eher das Gegenteil bewirken. Viele dieser Vorhaben – auch in Tenever – entwickelten sich schnell zu so genannten Brennpunkten,  zu Ghettos der Armen und Prekarisierten. Doch es ist auch eine Osterholzer Lehre, dass diejenigen, die man heute Abgehängte nennt, in der Lage sind, ihre Interessen zu vertreten und Ideen zu entwickeln, wenn man ihnen nur zuhört. Mitten aus den Wohnungen an der Koblenzer und der Neuwieder Straße erwuchsen Initiativen, die die Sanierung des Quartiers forderten und Pläne zu ihrer Umsetzung schmiedeten. Die Bewohnerinnen und Bewohner brachen die Anonymität der Hochhäuser auf, sprachen und stritten miteinander, entwickelten eigene, lebendige Formen der Kommunikation und traten gemeinsam und selbstbewusst den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft entgegen. Die Stadtteilgruppe Tenever ist das Ergebnis dieser Arbeit. Trotz unterschiedlicher Interessen – die sie mit Elan vertraten und vertreten – sprachen und sprechen sie mit einer Stimme, wenn es um die Zukunft ihrer Heimat, um ihr Zusammenleben geht. Gegen Investoren, die diesen Namen zu Unrecht tragen, weil sie zu keiner Zeit investieren, sondern aus den Wohnungen nur Profit schlagen wollen, gegen versuchte Aufmärsche von Neofaschisten oder gegen Abschiebungen ihrer Nachbarn steht der Großteil der Menschen hier Seite an Seite. Trotz nach wie vor vorhandener Konflikte ist die Stadtteilgruppe weiterhin aktiv und ermöglicht im Konsensverfahren eine Vielzahl von Projekten – von Bildungsangeboten für Kinder, Frauen und Männer, über Sportgelegenheiten, zu Kultur und noch viel mehr. Was hier sichtbar wird, ist die Idee eines solidarischen Zusammenlebens, wie ich es mir in allen Quartieren Bremens, der ganzen Republik und darüber hinaus wünsche. Ansätze in diese Richtung zeigen, dass Veränderungen möglich sind. Den Aktiven vor Ort in allen Ortsteilen wünsche ich weiterhin viel Kraft und Phantasie, ihre Lebensbedingungen selbstbewusst zu gestalten. Auf diesem Wege können sie – und an dieser Stelle sind wir wieder bei Thornton Wilder – zu Mitregent*innen dieser Welt werden.

Uns allen wünsche ich ein friedliches Jahr 2017. Mag es uns gemeinsam gelingen, einige Schritte zu einer offenen, toleranten und vielfältigen Gesellschaft zu gehen, in der Menschen leben, die sich wohlfühlen, die aber auch für ihre Rechte und die Rechte ihrer Mitmenschen zu kämpfen wissen."