27. Februar 2017

Sandbostel: Kriegsgefangenenlager, Notaufnahmeeinrichtung, Gewerbegebiet – Eindrücke eines Rundgangs

 

Am 18. Februar besuchten etwa 20 Menschen aus Bremen und Umgebung, auf Einladung von Birgit Menz, Sandbostel. Sandbostel ist sehr klein und ohne Auto fast nicht zu erreichen, doch ist dieses Dorf ein historischer Ort. 

Wenige Kilometer entfernt vom als idyllische Künstlerkolonie bekannten Worpswede vor den Toren Bremens lag in den Jahren von 1939 bis 1945 eines der größten deutschen Kriegsgefangenenlager. Bis zur Befreiung am 29. April 1945 wurden mehrere Hunderttausend Gefangene aus der ganzen Welt in diesem Lager gefangen gehalten. Ihre Behandlung war in völkerrechtlichen Verträgen geregelt, doch waren Verstöße gegenüber allen Gefangenengruppen an der Tagesordnung. Den sowjetischen Soldaten, die ab Oktober 1941 nach Sandbostel kamen, verweigerte die Wehrmacht aus „ideologischen“ Gründen jeglichen Schutz durch das Völkerrecht. Tausende von ihnen starben an Hunger, Krankheiten und Auszehrung. Nach dem Krieg war das Gelände nacheinander Internierungslager für SS-Angehörige und Nazi-Funktionäre, Gefängnis, Auffanglager für jugendliche Flüchtlinge aus der DDR und schließlich Lagerraum eines Militaria-Händlers. Seit 2005 befindet sich dort schließlich eine Gedenkstätte die an die Geschichte dieses Ortes und an das Leid der hier während der faschistischen Herrschaft gefangenen Menschen erinnert. 

Konkreter Anlass des Besuches der Bremer Gruppe war die zurzeit in Sandbostel stattfindende Sonderausstellung "Regards croisés. – Prisonniers ici et là-bas“ (Perspektivwechsel – Gefangene hier, Gefangene dort), die noch bis zum 28. Februar in der Gedenkstätte zu besichtigen ist. In ihr werden Lebensläufe von französischen Soldaten in deutscher und von Wehrmachtsangehörigen in französischer Kriegsgefangenschaft vorgestellt. Auf diese Weise wird deutlich, dass die Gefangenschaft für alle betroffenen Soldaten ein einschneidendes und prägendes Erlebnis war. Angst, Hunger, Langeweile, aber auch willkürliche Gewalt gehörten zum Alltag der Kriegsgefangenen. Dabei verzichtet die Ausstellung bewusst darauf, die deutsche und die französische Kriegsgefangenschaft miteinander zu vergleichen. Auf diese Weise bleiben die persönlichen Erlebnisse der einzelnen Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung und werden nicht gegeneinander aufgerechnet. 

Den Schwerpunkt des Besuches in der Gedenkstätte bildete jedoch die Führung über das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers. Dabei gelang es Dr. Andreas Ehresmann, dem Leiter der Gedenkstätte, die Entwicklung des Lagers und die unmenschlichen Bedingungen deutlich zu machen, unter denen die Gefangenen – insbesondere die sowjetischen Gefangenen – dort litten. Ebenso machte er aber auch die vielfältigen Überformungen, die das Areal durch die unterschiedlichen Nachnutzungen erfahren hat, sichtbar. So wies er an vielen Stellen der Führung darauf hin, dass man sich eben nicht mehr in einem Kriegsgefangenenlager, sondern in einer Gedenkstätte des Jahres 2017 befindet. Auf diese Weise gelang es ihm, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie Geschichte dargestellt und erzählt wird, ohne dabei das Leid der Betroffenen zu vergessen. Es war auch der zugleich engagierten und nachdenklichen Führung zu verdanken, dass dieser Samstagnachmittag in Erinnerung bleiben und weitere Diskussionen anregen wird. Auch dafür sei Andreas Ehresmann an dieser Stelle gedankt. 

An die Eindrücke dieses Rundgangs über die Gedenkstätte Sandbostel kann angeknüpft werden, denn es bleibt auch weiterhin darüber nachzudenken, wie die Erinnerung an Opfer und Täter von Faschismus wachgehalten und in lebendige antifaschistische Arbeit umgesetzt werden kann. Ganz in diesem Sinne sollten auch weiterhin viele Menschen diese wichtige Gedenkstätte in Sandbostel besuchen. 

Einen weiteren Blick auf die  diese Fahrt nach Sandbostel wirft Wilhelm Henkel in seinem Beitrag für den „Bremer Antifaschist“, den wir hier veröffentlichen.

 

Gedenkformen neu hinterfragen 

Zwei Veranstaltungen in der zweiten Februarhälfte boten reichlich Diskussionsstoff für die weitere Erinnerungsarbeit. In der Bremischen Bürgerschaft schilderte Dr. Christel Trouvé unterstützt von Filmemacher Henry Friedel am 16.02. sehr anschaulich die Begegnungsarbeit mit den Einwohnern Murats, einer Kleinstadt im französischen Zentralmassiv. Nach Landung der Alliierten in der Normandie durchkämmte die Waffen-SS von St. Flour aus das Zentralmassiv, um die immer aktiver werdende französische Widerstandsbewegung aufzuspüren. Besonders hervorgetan bei den Verhören hatte sich Sicherheitspolizeichef Hugo Geissler, der mit 12 weiteren Waffen-SS’lern und drei Milizionären am 12. Juni 1944 bei einem Gefecht mit 75 in die Stadt eindringenden Widerstandskämpfern getötet wurde. Am 24. Juni wurden 120 Männer aus Murat als Geiseln festgenommen und über Compiègne ins KZ Neuengamme und seine Außenkommandos wie Farge deportiert. 80 von ihnen kehrten nie wieder zurück. Juni 2012 erst wurde für sie ein Denkmal im Skulpturenpark in Neuengamme enthüllt. Ein Jahr länger dauerte es, bis erstmals ein offizieller deutscher Vertreter an den Gedenkfeiern in Murat teilnahm: Bremens Bürgerschaftspräsident Christian Weber. 

Das offizielle Gedenken in Frankreich und Belgien folgt einem starren Ritual: Messe, Gang zum Mahnmal auf dem Friedhof, Militäruniformen, Ansprache des Bürgermeisters, Fahnensenken zu Ehren der Toten, Nationalhymne, Kranzniederlegen. Die Erinnerung verharrt im Gedenken. Jüngere Generationen geraten in einen wachsenden Zeitabstand zum Geschehen. Dabei ist so gut wie keine Familie ausgespart worden bei den Deportationen. Das Schweigen in den Familien über lange Jahre erklärt sich sicher auch der Scham erniedrigt worden zu sein, der Scham überlebt zu haben angesichts der hohen Todesrate. Das Grauen des Lagers ist nur ansatzweise zu vermitteln. Die familiären Besonderheiten, die Geiselnahme anstelle eines Gesuchten, der durch die Umstände bedingte viel zu frühe Tod jüngerer Familienmitglieder, und der Versuch, einen Platz im Leben wieder einzunehmen, ließen es nicht zu, offen in der Familie zu sprechen. 

Vermittlungsprobleme gegenüber Nachwachsenden schilderte auch Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann zwei Tage später bei einem Besuch in Sandbostel. Die Sonderausstellung „Perspektivenwechsel – Gefangene hier, Gefangene dort“ führten gut zwei Dutzend Besucher*innen in Begleitung von Birgit Menz in die konkreten Bedingungen von Unterbringung, Verpflegung, Lagerbedingungen, Arbeitsalltag in Sandbostel ein. Bilder und Hörstationen gaben die individuellen Erfahrungen französischer und deutscher Kriegsgefangener wieder. Anschließend führte uns Andreas Ehresmann über das Lagergelände zur Dauerausstellung. Das Lager Sandbostel ist phasenweise entstanden und eigentlich sind es vier unterschiedliche, voneinander getrennte Lager: Mannschafts-, Offiziers-, Marinelager und KZ. Zur Wahrheit gehört auch die Nachnutzung als Internierungslager für SS-Leute nach der Befreiung, als Erstaufnahme für Umsiedler, als Auffanglager für jugendliche DDR-Flüchtlinge 1952/63. Wenige Gebäude gehörten zum ursprünglichen Kriegsgefangenenlager, die Kirchen wurden für die Heimatlosen und Flüchtlinge gebaut, die Baracken zu unterschiedlichen Zeiten, zu 60% überformt. Manches an Einrichtung ist erst als Filmkulisse entstanden. Der Wunsch vieler, vor allem jugendlicher Besucher, die Lage der Gefangenen nachvollziehen zu können, muss Illusion bleiben. Wie kann der unheimliche Gestank nachvollzogen werden, die Hoffnungslosigkeit mancher Gefangener, das Warten auf die Heimkehr, die völlige Entkräftung der sowjetischen Kriegsgefangenen oder der KZ-Häftlinge, die sich selbst überlassen blieben? Andreas Ehresmann betonte die Notwendigkeit, Situation und individuellen Schicksale authentisch zu vermitteln. Während die Angaben zu den Todeszahlen auf dem Friedhof nach der Befreiung überhöht angegeben wurden, seien sie während des Kalten Krieges bewusst heruntergespielt worden. Mithilfe in Projekten freiwillig mitarbeitender Jugendlicher werden nun anhand von Meldekarten individuelle Biographien herausgearbeitet und Erinnerungsziegel gebrannt. 

Wilhelm Henke